Radschnellweg 1 im Ruhrgebiet – da kannst Du schneller einen Flughafen bauen

Veröffentlicht: 28. Juni 2021

1130 Worte- 4.7 Minuten Lesezeit- 2 Kommentare-
Radschnellweg 1 im Ruhrgebiet

Beitragsdaten

Autor: Thomas Jansen

Veröffentlicht: 28. Juni 2021

Aktualisiert: 03. Juli 2021

1130 Worte- 4.7 Minuten Lesezeit- 2 Kommentare-

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Der Radschnellweg wächst weiter – so der Titel eines Beitrages auf der Homepage des RS 1 aus den letzten Tagen. Aber sagen wir mal so, wenn das in dem Tempo weitergeht, also das Wachsen, dann haben wir vorher noch ein paar Flughäfen gebaut und eröffnet, sogar in Berlin.

Der Radschnellweg 1 – von Moers bis Hamm – in der Theorie

„Der schnellste Weg am Stau vorbei“ – noch so eine Schlagzeile von der RS 1 Homepage. Ok, das soll der Radweg wirklich mal sein. 101 Kilometer lang soll er die Städte des Ruhrgebiet verbinden. Jetzt wurde die Planung sogar geändert und er soll 114 Kilometer lang werden und bis Moers reichen. Die neue Autobahnbrücke der A40 soll mit genutzt werden und die Strecke bis Moers verlängert werden.

Soweit die Theorie, welche 2013 vom Land NRW mit einem Planungswettbewerb für Radschnellwege begonnen wurde – also auch schon vor 8 Jahren.

Aktueller Ausbau des Radschnellweges 1

2015 – also vor 6 Jahren (!) wurde der erste Abschnitt des Radschnellweges zwischen Mülheim und Essen eröffnet. So die vollmundigen Meldungen des Landes. Nur, die Realität sieht ein klein wenig anders aus. Ok, die Strecke ist durchgängig als Radweg auf alten Bahntrassen befahrbar. Seit Juni 2021 auch ohne Behinderung, durch eine fehlende Brücke auf Essener Stadtgebiet. Toll. Man freut sich ja über Kleinigkeiten.

Radschnellweg

Promenade in Mülheim

Allerdings ist nur ein kleiner Teil der Trasse als Radschnellweg ausgebaut. Sagen wir mal, das Stück von der Hochschule Mülheim bis zur Ruhrquerung ist fertig. Und dann nimm das Drama schon seinen Lauf. Der Bereich der Promenade in Mülheim ist kein Radschnellweg. Hier werden Fußgänger und Radfahrer gemischt, es besteht keine getrennte Verkehrsführung, obwohl die baulichen Voraussetzungen dafür vorhanden sind. Einige Streckenabschnitte führen über Pflastersteine – geschenkt, würde uns nicht stören, für einen Schnellweg aber irgendwie merkwürdig. Ebenso fehlt die vorgegebene Markierung in dem Bereich und auf der kompletten restlichen Strecke, bis zur Uni Essen.

Diese wäre in Essen auch schwierig anzubringen. Denn dort ist ein langer Abschnitt des „Radschnellweges“ nicht asphaltiert. Man fährt auf einer Schotter-/Sandpiste, wo die Farbe wohl nicht lange halten würde. Besonders bei Regen, wenn man dort Pfützen-Slalom fahren muss, wären die hübschen weiß-grünen Markierungen schnell verschwunden.

Und auch auf dem asphaltieren Strecken in Essen sucht man vergeblich nach den Radschnellweg-Markierungen und somit ist das weit davon entfernt fertig zu sein.

Neuer Abschnitt in Gelsenkirchen eröffnet

Aktuell endete der „Radschnellweg“ an der Uni Essen. Am 11. Juni 2021 wurde nun ein weiteres Teilstück eröffnet. Luftlinie (4) Kilometer vom bisherigen Ende in Essen entfernt, mit dem Rad viele interessante Kilometer über innerstädtische Straßen mit teils abenteuerlichen Radwegen.

Radschnellweg RS1 in Gelsenkirchen

Radschnellweg RS1 in Gelsenkirchen

Das neue Teilstück erstreckt befindet sich in Gelsenkirchen, und verläuft von der Essener Stadtgrenze bis zur Bochumer Stadtgrenze. Das Teilstück ist rund 3 Kilometer lang, als in gut 10 Minuten mit dem Rad abgefahren – mit Fotopausen. Dass man ein gutes Stück des „fertigen“ Weges an Bauzäunen vorbei fährt, welche den Radverkehr vom Straßenverkehr einer Zufahrtsstraße trennt, geschenkt.

Immerhin hat Gelsenkirchen, eine Stadt mit großen finanziellen Sorgen, geliefert. Nur so als Randbemerkung, wenn immer wieder die Kosten ins Spiel gebracht werden. Offensichtlich geht es, wenn man als Kommune wirklich will.

An der Stadtgrenze zu Bochum steht dann dann vor der weitere Trasse der ehemaligen Bahnstrecke, die schön zugewachsen ist und die Pflanzenwelt leise vor sich hin wuchert. Irgendwo ruft ein Uhu, Wind bewegt das Gestrüpp. Wir haben dann unseren Weg fortgesetzt, Richtung Jahrhunderthalle Bochum, wo der Radschnellweg mal vorbeiführen soll. Dabei haben wir die geplante Trasse mehrfach gekreuzt. Bauarbeiten waren keine zu sehen, nichts, nada. Und der Weg über Radwege, welche den Namen nicht verdienen, verbunden mit drölfzehn Ampelschaltungen aus der Fahrrad-Hölle hat einfach keinen Spaß gemacht.

Radschnellweg - Blick in die grüne Hölle Richtung Bochum

Radschnellweg – Blick in die grüne Hölle Richtung Bochum

Halten wir also fest, 6 Jahre nach dem ersten Abschnitt in Mülheim wurde nun der zweite Abschnitt in Gelsenkirchen eröffnet. Dazu war dann sogar NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst angereist um an dem feierlichen Akt teilzunehmen. Für die 2,8 Kilometer Radschnellweg. Immer wenn nun jemand diesen Absatz hier liest, fallen in Holland unzählige Radfahrer lachend vom Fahrrad.

Immerhin wurde in Dortmund schon mit einem weiteren Abschnitt begonnen. Dort werden Teile es Radschnellweges als Fahrradstraßen fertiggestellt. Also wird es dort einen Mischbetrieb mit Autos geben, inklusive Parkbuchten, Kreuzungen und anderen vorprogrammierten Ärgernissen. Das ist ungefähr so, als wenn Autobahnen nun Parkplätze und Kreuzungen bekommen. Aber vielleicht weckt der Begriff „Schnellweg“ auch falsche Erwartungen in uns.

Fertigstellung? Wir werden das wohl nicht mehr erleben.

Wenn man sich den Fortschritt so anschaut, 6 Jahre zwischen Abschnitt Essen/Mülheim (der bis heute kein richtiger Radschnellweg ist) und Abschnitt Gelsenkirchen, dann lässt das Böses ahnen. Dazu kommt die Tatsache, dass sich weder auf Bochumer noch auf Essener Seite irgendwas tut.

Es wird immer nur von Planungen, Genehmigungen, Planfeststellungsverfahren, Bürgeranhörungen, Ausschreibungen und anderen Dingen gesprochen. Typisch halt, viel Reden, nichts machen. Dazu kommt, dass ein Großteil der geplanten Trassen wohl im Besitz der Bahn sind. Und welchen Stellenwert die dem Projekt einräumt, hat sich erst vor ein paar Wochen gezeigt. Die Bahn hat fleißig neue Masten für Oberleitungen aufgestellt – mitten auf die geplante Trasse des Radschnellweges in Essen. Vermutlich werden die dann mit einem grün-weißen Kringel am Boden markiert.

Wir haben uns dann mal gefragt, ob wir die Fertigstellung des Radschnellweges noch erleben werden. Ganz ehrlich, wir sind in den 50ern – das wird eng. Wenn das in diesem Tempo weitergeht, wird die Verbindung zwischen Hamm und Moers vermutlich 2221 befahrbar sein, optimistisch gerechnet. 3 Kilometer, alle 6 Jahre, bei 100 Kilometer Restbaustrecke – rechnet selber nach. Aber immerhin haben viele NRW-Verkehrsminister bis dahin Gelegenheit eine schöne Einweihung zu feiern und sehr viel mehr Holländer fallen bis dahin lachend vom Fahrrad.

Was wir bei all dem nicht verstehen, der Bedarf für einen Radschnellweg ist da. Die Zählstelle an der Promenade in Mülheim hat in diesem Jahr bereits rund 337.ooo Radler gezählt (Stand 28.06.2021). Wir reden doch hier von keiner kleinen Minderheit im Straßenverkehr. Der Bedarf ist real, und für die Städte wäre eine Fertigstellung ihrer Bauabschnitte ein enormer Image-Gewinn. Da kommen Chancen für die lokale Wirtschaft durch Anbindung von lokalen Geschäften/Gewerbegebieten und Dienstleistungen direkt am Radschnellweg.

Wir können einfach nicht verstehen, warum das Projekt nicht mit Hochdruck fertiggestellt wird, andere Länder können das doch auch. Aber hier bauen wir vermutlich schneller einen neuen Flughafen in Düsseldorf oder eine neue Autobahn durch den Ruhrpott – wir sind ja nicht BER.

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2 Kommentare

  1. Martin Kramer 28. Juni 2021 um 11:59 - Antworten

    Hi ihr Lieben,

    bei ganz vielem bin ich bei Dir, ich würde mich auch wünschen dass das alles viel schneller und unaufgeregter laufen würde. Oftmals trifft man mit dem Stadtbashing aber die Falschen. Ich erlebe es gerade selbst in Krefeld mit, wie kompliziert so etwas ist, eine Kommunalpolitik muss sich aussprechen, dann gibt es X Bezirksvertretungen, Bürgerinnen und Bürger werden gehört. Dann müssen Grundstücke angekauft werden, noch ne Genehmigung und noch ein Verfahren. Ich glaube, um in Krefeld zu bleiben, wenn alle die das Projekt wollen so könnten wie sie wollten, wäre das Ding seit Jahren fertig. Bestes Beispiel, hier läuft gerade ein „besorgter Bürger“ Sturm gegen eine Fahrradstraße…mit krudesten Begründungen.

    Was den Vergleich zu den Niederlanden angeht, den ich selbst auch sehr gern nutze ;), eigentlich ist er ein bisschen unfair. Unser beider Länder waren nach dem Zweiten Weltkrieg Trümmerwüsten. Während wir hier, dank dem Wirtschaftswunder, unsere Städte auf das aufkommende Auto hin optimierten, sah das in den Niederlanden anders aus. Schon immer hatte das Rad dort einen anderen Stellenwert. Deshalb ist es heute für eine Kommune in Deutschland eben auch x fach komplizierter eine echte Verkehrswende hinzubekommen, es kostet nämlich in der Regel immer ein Vermögen. Und da sind Betonköpfe die nichts ändern wollen noch gar nicht berücksichtigt.

    Aber Du hast Recht, als erstes muss man der Wille da sein, das Rad als Verkehrsmittel zu begreifen und nicht als Freizeitgerät. Ist das bei allen angekommen, hat man auch die Chance etwas zu verändern. Ach ja, eines noch zum Schluss, ein solcher Prozess geht nicht mit der Brechstange. Wenn ich in manchen ADFC Foren oder Critical Mass Gruppen lese, was man da fordert und wie über Autofahrende geschrieben wird, kann ich verstehen, warum auf deren Seite eine Blockadehaltung einsetzt. Am Ende des Tages geht es nur miteinander.

    LG Martin

    • Thomas Jansen 5. Juli 2021 um 13:55 - Antworten

      Hi Martin,

      ja, Du hast nicht unrecht. Aber es gibt ja auch Beispiele, wo es geht – wie in Gelsenkirchen. Und eben das ganze Prozedere mit der Anhörung von X Gremien, Bürgern usw. ist ja das Problem. Aber das ist ja nicht nur bei den Radwegen so.

      LG Thomas

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