Rechts oder Links? Sucht Euch was aus.
Diese Einsortierung in Schubladen, gerade in den Social Medias, und leider auch zunehmend im Fediverse, geht mir zunehmend auf die Nerven.
Einen Alt-Text vergessen: Du grenzt Menschen aus. Eine Aussage gegen das Gendern: Du grenzt Frauen und andere aus. Du zeigst ein Harry-Potter-Merchandise: Du unterstützt eine transphobe Irre. Und alles in einem Ton der zusätzlich vermittelt: „Du rechter Boomer“. Andererseits wurde ich aber auch schon als linksgrünversiffter Gutmensch bezeichnet, oder als regierungstreues Schlafschaf. Irgendwas ist immer. Es nervt mich inzwischen so sehr, dass ich entsprechende Gestalten dann rasch wegblocke. Dabei geht es mir nicht um die andere Meinung, damit bin ich fein. Es geht um diese zur Schau getragene Überheblichkeit, seine eigene Ansicht als einzig Richtige hinzustellen.
Zudem habe ich die Frage, ob ich eher rechts oder links eingestellt bin, auch zu meiner „Frag-mich-was-Aktion“ per Mail bekommen. Mit der Antwort, diesem Beitrag hier, habe ich mich wirklich schwergetan. So einfach ist die Antwort nicht, wenn man sich mal damit beschäftigt. Am Ende passe ich wohl in keine der genannten Schubladen.
Wer behauptet, weder rechts noch links zu sein, ist rechts. Immer.
Diese Aussage las ich in den letzten Tagen bei Mastodon:
Wer behauptet, weder rechts noch links zu sein, ist rechts. Immer.
Das ist eine sehr gewagte, ich will nicht sagen unverschämte, Aussage. Aber, sie spiegelt eines der Probleme in unserer aktuellen Gesellschaft wider. Wer Meinungen abseits des akzeptierten Mainstreams hat, wird (viel zu) schnell in die rechte Schublade gepackt. Und damit ist man schwupps auf der Nazi-Schiene angekommen. Denn ein „normales“ Rechts gibt es nicht mehr. Persönlich ist es für mich aber noch ein großer Schritt vom alten Sack, Boomer Konservativen zum Nazi. Aber alleine dafür gibt es vermutlich schon einen auf die Mütze.
Das Problem ist: Es gibt nur noch Schwarz und Weiß. Es gibt nur noch Links oder Rechts. Und dazwischen liegt ein unüberwindbarer Graben. Zumindest in den Social Medias gewinnt man diesen Eindruck. In meinem realen Leben, in meinem persönlichen Umfeld gibt es aber sehr viele Grautöne dazwischen. Da werden verschiedene Meinungen und Einstellungen akzeptiert, gelegentlich auch diskutiert. Und das, ohne sich gegenseitig anzufeinden. In meinem realen Leben gibt es diese Schubladen, in dieser extremen Art, nicht.
Ich habe mir selbst in den letzten Wochen viele Gedanken gemacht, wo ich mich einsortieren würde. Dabei habe ich gelernt, dass es stark auf das Thema ankommt und ich selbst dann vermutlich nicht in eine von nur zwei Schubladen passen würde.
Meine Meinungen, die nicht in die „eine“ Schublade passen
So bin ich zum Beispiel sehr für eine Migration nach Deutschland. Das Land braucht neue Menschen, junge Menschen mit guter Ausbildung, oder sie werden von uns ausgebildet. Daher, klar pro Migration. Was wir aber eben nicht schaffen, ist eine dauerhafte, unkontrollierte Zuwanderung. Diese bringt Kommunen und Gemeinden an die Grenzen des Machbaren. Und die Menschen, die kommen, brauchen auch eine Perspektive, wenn sie sich integrieren sollen. Ideal wäre sicherlich eine europaweite, gesteuerte Migration, eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge, die (zurecht) hier ankommen. Jaja, ich bin da ein wenig naiv.
Allerdings finde ich auch, wer hier eine schwere (!) Straftat begeht, hat das Recht gewonnen, das Land wieder zu verlassen. Dabei dürfen aber humanitäre Punkte nicht ignoriert werden. Wie das gelöst werden kann? Keine Ahnung. Ich weiß nur, wer die komplexe Antwort auf diese schwierige Frage nicht beantworten kann: Irgendwelche blauen Schlümpfe. Und gut integrierte junge Menschen, die im Studium, in der Lehre oder schon im Job sind, abzuschieben, ist an Dämlichkeit nicht zu überbieten.
Und mit dieser Meinung bin ich für viele schon sehr weit in der rechten Ecke. Schublade auf – rein – zu – bums.
Oder das Theme Klimawandel. Den gibt es. Das ist ein eintöniger Tenor der seriösen Wissenschaft. Ebenso die Erkenntnis, dass dieser von Menschen (Industrie) verursacht ist. Daher müsste jedes Gramm CO₂, das nicht in die Luft gepumpt wird, gefeiert werden. Was haben wir eigentlich zu verlieren, wenn wir auf alternative Energien umschwenken? Eben, eigentlich gar nichts.
Allerdings werden wir dieses Thema grandios verkacken, worüber ich vor Jahren schon geschrieben habe. Und seitdem ist wenig passiert, was meine Meinung ändern würde, eher im Gegenteil. Denn es müsste global gehandelt werden. Und genau das wird nicht funktionieren. Daher verurteile ich niemanden, der weiter mit seinem Porsche durch die Gegend fährt, wenn es ihm Spaß macht. Ich selbst fahre lieber einen Kleinwagen, und wenn es Zeit für ein neues Auto ist, schaue ich mir auch gerne mal E-Autos an. Solange es aber keinen internationalen, gemeinsamen Weg gibt, bringt alles nichts, was wir als Einzelperson machen. Es ist nicht einmal ein Tropfen auf dem heißer werdenden Stein.
Trotzdem bin ich absolut für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. 120 wäre ein angemessener Wert. Da hat die Umwelt etwas davon und das Fahren wird viel entspannter. Ich liebe es, stundenlang durch die Niederlande zu fahren. Tempo 100 ist zwar manchmal ein wenig eintönig, aber es funktioniert. Kaum kommt man dann über die deutsche Grenze, geht der Stress wieder los. Wobei ich gar kein Problem damit habe, wenn schnell gefahren wird. Ich fahre nach rechts und lasse die anderen vorbei. Es ist ja schließlich nicht verboten. Es ist aber deutlich anstrengender, weil man ständig den Verkehr von hinten im Auge haben muss.
Zudem brauchen wir eine bessere Infrastruktur für Radfahrer. Und damit meine ich jetzt nicht den x. Freizeit-Radweg. Nein, wir brauchen alltagstaugliche Wege, abseits des Autoverkehrs. Dass das funktioniert, sieht man in den Niederlanden. Ok, die haben uns 30 Jahre Planung (und Denken) voraus. Nur, wenn wir nie damit anfangen, sind sie uns bald 40 Jahre voraus. Und nein, ein bisschen Farbe auf einer Straße ist keine Infrastruktur.
Im Gegenzug verteufle ich aber keine Autofahrer. Denn dass mehrere Konzepte parallel existieren können, zeigen ebenfalls die Niederlande. Das Straßennetz für Autos ist dort genauso super ausgebaut, wie das für Radler. Und von einer Welt ohne Autos zu träumen, halte ich für ein Wunschdenken, das nicht realisierbar ist.
Mein persönliches Umfeld ist übrigens sehr divers. Das stört mich nicht, im Gegenteil. Ich finde es erfrischend und eigentlich vollkommen normal. Egal ob hetero, schwul, lesbisch oder transsexuell, jeder soll sein Leben auf seine Art genießen. Was ich ein wenig befremdlich finde, ist die Tatsache, seine Sexualität offen und transparent überall vor sich herzutragen. Nein, stören tut es mich nicht, keine Bange. Ich finde es nur verwirrend, ist aber vermutlich eher auf mein Alter zurückzuführen. Ich würde nie auf die Idee kommen, meine Details dazu in mein Social-Media-Profil zu schreiben. Darum geht es aber auch hier nicht, es soll nur zeigen: Ich mag eine bunte Gesellschaft, verstehe aber nicht jedes Handeln. Muss ich aber auch nicht, um es trotzdem respektieren zu können.
Das Gendern, das hatten wir ja schon. Soll jeder machen, ich mache es nicht und habe auch Vorbehalte. Allerdings stört es mich auch nicht, wenn andere Mitmenschen gerne gendern. Übrigens teile ich diese Vorbehalte durchaus mit Teilen meines persönlichen, diversen Umfelds.
Kleiner Seitenschwung: Schwule kennen mit Abstand die besten Schwulenwitze – für die man in den Social-Medias vermutlich den Shitstorm seines Lebens bekommen würde.
Das waren nur ein paar Beispiele – es gibt noch so viele andere Themenbereiche. Vegan? Wäre nix für mich, auch wenn ich durchaus mal eine vegane türkische Pizza mag. Gaza / Israel? Ich habe den Überblick verloren, tendiere aber zur Aussage: Alle bekloppt geworden. Das trifft übrigens auf viele Bereiche in der Weltpolitik zu.
Was bin ich denn nun? Rechts, links, die berüchtigte Mitte? Ich weiß es nicht!
Ich kann mich selbst nicht einsortieren. Gibt es konservative Linke? Dann bin ich wohl so einer. Aber eigentlich: Es ist mir vollkommen egal.
Abseits von irgendwelchen politischen Stilrichtungen sehe ich mich als empathischen, sympathischen, humorvollen, toleranten Menschen, der jedem anderen Mitmenschen erst einmal Respekt entgegenbringt. Wer mir dann blöd kommt, verschwindet einfach aus meinem virtuellen Umfeld. Im realen Leben umgebe ich mich auch nicht mit Menschen, die mir nicht guttun. Und bevor nun wieder einer auf die Idee kommt: Eine andere Meinung/Einstellung haben ist nicht „blöd kommen“.
Ich kann es auch akzeptieren, wenn Menschen einen CSD doof finden (ich finde die übrigens toll), ich kann es akzeptieren, wenn Menschen das Gendern ablehnen. Solange keine Lügen, kein Hass und keine Hetze mit der Ablehnung verbunden sind, dann ist das halt so. Derjenige/Diejenige ist deswegen nicht pauschal ein schlechter Mensch, den ich dann in irgendeine schmutzige Schublade stecke.
Am Ende passe ich wohl in keine der angebotenen Schubladen, und das sehe ich nicht als Problem an. Wenn jemand anders damit ein Problem hat, dann kann ich es nicht ändern. Ich werde mich auf keinen Fall mehr verbiegen, um anderen gerecht zu werden. Im Netz bin ich, wie bereits erwähnt, schon als Nazi, linksgrünversifft, Gutmensch, frauenfeindlich und transphob bezeichnet worden. Anfangs habe ich mich darüber geärgert, inzwischen grinse ich mir nur noch einen.
