Fediverse, Bluesky – Mehr Toleranz bitte
Ich muss mir mal ein paar Gedanken von der Seele schreiben, für die ich vielleicht Mecker bekomme oder sogar einige Menschen verschrecken werde. Aber es muss mal raus.
Wenig Toleranz vertreibt User
In den letzten Tagen haben zwei, wie ich finde, feine Menschen die Social Medias BlueSky und/oder das Fediverse verlassen. Die haben komplett die Lust daran verloren. Und, ich kann sie verstehen.
Horst begründet seinen Rückzug mit folgenden Worten:
Was X mit rechten Brachialtönen überzieht, wird auf Bluesky und Mastodon mit linker Besserwisserei gespiegelt. Die einen trommeln mit Wut, die anderen mit Moral. Doch das Echo ist dasselbe: Laut. Absolut. Und unbarmherzig.
Das von mir sehr geschätzte Meeplestilzchen äußert sich auf BlueSky in eine ähnliche Richtung:
Das doppelmoralische, linksextreme Gutmenschengetue macht mich mittlerweile extrem wütend (das obwohl ich mich auch in dieser Gruppierung einordne, aber ohne das Extrem).
Und ja, ich kann beide verstehen. Es nervt teilweise hart, was dort abgeht.
Wer bin ich? Wie ticke ich?
Kurz vorab zu mir. Auch wenn ich wohl zur Boomer-Generation gehöre, bin ich politisch und von meiner Denkweise eher weit links angesiedelt. Aber mit Sicherheit bin ich nicht ohne Fehler und Schwächen und noch weniger sehe ich meine Art zu leben als die von Gott gegebene an. Und ja, ich fahre gerne Auto, aber ebenso gerne mit dem Rad. Ich fliege inzwischen nur noch selten, ganz will ich aber auch nicht darauf verzichten. Das führt vermutlich dazu, dass ich wahnsinnig tolerant mit verschiedenen Meinungen umgehen kann.
Für mich sind alle Menschen einfach genau das: Menschen. Mir ist vollkommen egal, wo sie herkommen, welches Geschlecht sie haben oder fühlen, ob Menschen körperliche oder geistige Einschränkungen haben. Es ist und bleibt ein Mensch. Und diesen respektiere ich als Person, solange ich von der Gegenseite ebenfalls respektiert werde.
Ebenso wenig ist für mich aber auch ein Mensch, der nicht jubelnd die uneingeschränkte Zuwanderung begrüßt, direkt ein Nazi. Genauso wenig ist ein Mensch, der Gendern doof findet, für mich ein Frauen- oder Queer-Hasser. Diese Toleranz fehlt mir inzwischen in den neuen Social Medias. Und das sind nur zwei Beispiele, da gibt es noch viel mehr Punkte.
Was nervt denn so?
Nehmen wir doch mal das Beispiel Gendern und diesen Blog hier. Ich hatte bei Mastodon schon Kommentare, warum ich hier auf dem Blog nicht gendere. Die hatte ich sonst nirgendwo, noch nicht mal hier direkt in den Kommentaren. Warum muss ich mich dafür rechtfertigen? Aber ich tue es jetzt mal. Ich habe mal gegendert, alles mit diesem (*) Sternchen. Da bekam ich Kommentare, dass das nicht fein ist, man soll doch einen Doppelpunkt nehmen. Gut, ich bin ja lernfähig, also den Doppelpunkt genommen. Ratet! Genau, schwups, kam ein Mensch, den ich vorher nicht kannte und erzählte mir, dass das Sternchen besser sei oder diese y-Variante. Ganz ehrlich, darauf habe ich keinen Bock, dann lasse ich es. Es fällt mir beim Schreiben eh einfacher und wer mich persönlich kennt, und mein persönliches Umfeld, weiß sehr gut, dass ich nie jemanden ausgrenzen würde.
Vergessene oder in der Situation nicht machbare Alt-Texte lasse ich mal außen vor. Oder, nee, lass mich kurz drüber schreiben. Auch da wird gerne die Moralkeule herausgeholt, weil man ja offensichtlich etwas gegen alle blinden Menschen hat. Dass man vielleicht selbst eine Sehschwäche hat und am Smartphone, beim Foto zwischendurch, selbst keinen Buchstaben in der Beschreibung treffen würde, geschenkt – das interessiert dann keinen. Und ja, ich weiß, dafür gibt es Hilfsmittel – aber auch die passen nicht in jeder Situation. Das man selbst in dem Moment eingeschränkt ist, ruft offensichtlich keinen Schützerinstinkt hervor. Was soll ich nun tun? Kein Foto posten? Damit würde ich mich aber ausgegrenzt fühlen.
Noch ein Beispiel? Gerne. Ich habe mal ein Foto von meinem Auto mit Fahrradträger gepostet, auf dem Weg zur Tagestour in die Niederlande. Da war dann aber Holland in Not. Was mir „Umweltsau“ denn einfallen würde? Nun, ich habe dann nicht ausgeführt, dass ich (trotz der Wochenendausflüge) meinen Kilometer-Schnitt pro Jahr mehr als halbiert habe (durch verschiedene Umstellungen) in den letzten Jahren. Es war vollkommen egal, dass man auf einen Kleinwagen umgestiegen ist. Es war vollkommen sinnlos zu erwähnen, dass man lieber in den Niederlanden radelt, wo man im Verkehr nicht jede Minute Angst um sein Leben haben muss. Nein, Fahrradträger -> Auto -> und dann noch ein E-Bike -> Umweltsau. Einfach die passende Empörungs-Schublade öffnen und rein damit.
Und diese Klugscheißerei hat man inzwischen bei allen Themen. Die oben beschriebene fehlende Toleranz bei einigen Menschen ist auch Thema in einem tollen Beitrag bei Rausgerufen.
Ja, richtig gelesen wegen iOS. Weil ich nun mal dieses System nutze bin ich dermaßen heftig angegangen worden als hätte ich ein Kapitalverbrechen verübt.
Ach, schreibe mal, dass Du Windows-Admin bist. Viel Spaß! Ok, das hat jetzt weniger mit einer politischen Einstellung zu tun. Dabei geht es eher um etwas Religiöses, wenn man die Diskussionen mal verfolgt. Warum liest man im Verhältnis so wenig von Windows-Admins in den SM? Ich kann für mich sagen: Ich habe keinen Bock mehr auf diese Linux/Windows Debatte. Und schon gar nicht will oder muss ich missioniert werden. Wir setzten Linux ein, wo es Sinn macht. An anderen Stellen nutzen wir Windows (was übrigens ganz wunderbar funktioniert). Mal eben alles umstellen ist einfach nicht möglich, schon gar nicht mal eben. Wer das behauptet ist entweder sehr ideologisch oder arg weltfremd – oder beides.
Und nochmal deutlich gesagt: Die oben beschriebenen Beispiele sind nicht bei Facebook oder X vorgekommen. Nein, sie sind das Resultat aus Postings bei Mastodon und Bluesky.
Bestätigung frei Haus geliefert
Ich habe meine Meinung dazu vorhin auch in den besagten Medien geschrieben.
Ich denke, es schadet inzwischen der guten Sache, dass man keine Meinungen, kein Verhalten mehr als anständig bezeichnet, welche nicht extrem links einzuordnen sind. So verliert man die Menschen. Man vertreibt damit grundanständige Menschen von den tollen Plattformen und nimmt ihnen somit den letzten Rest an anschaulicher Diversität.
Ouhaha. Was soll ich sagen? Schaut selbst bei BlueSky, wie es endet. Erst folgt ein längerer Post darüber, wer so alles diskriminiert wird. Das ist nett, weiß ich alles und sehe auch die Problematik. Hat aber nichts mit meinem Post zu tun. Denn da wurden auch Menschen aufgrund Ihrer (gar nicht rechten) Meinungen angegangen. Dann eine Belehrung, wie man das Medium nutzen kann (ach was) und dann natürlich die sehr *hüstel* sachliche Nachfrage, ob mein Beitrag Satire wäre. Achja, ich würde gute Dinge als Linksextrem bezeichnen (wo genau steht das). Das Posting wurde offensichtlich nicht verstanden, eher mal wieder interpretiert. Und damit wären wir dann wieder bei den (typisch linken) Diskussionen über Wortklaubereien, die vollkommen überflüssig sind.
Alles davon bestätigt die Aussage des Postings. Geschrieben übrigens von Menschen, die sonst noch nie in irgendeiner Form auf meine Postings reagiert haben.
Macht Euch alle mal locker
Es scheint schwer zu verstehen zu sein. Es geht nicht darum, gegen irgendwelche guten linken Ideen zu sein. Es geht auch nicht darum, diese in diesen Medien zu verbreiten und sich für die Sache zu engagieren. Das ist sogar zu unterstützen und lobenswert. Es geht um diesen missionarischen, oberlehrerhaften Stil, mit dem das geschieht bei Menschen, die eigentlich auf der gleichen Seite stehen und vielleicht mal etwas schreiben, was nicht ganz dem linken Mainstream entspricht.
Lasst uns doch alle mal ein wenig toleranter miteinander umgehen. Gerade die Menschen, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzen, machen oft wegen eines falschen Wortes oder einer unglücklichen Formulierung ein Fass auf. Und das bei Menschen, die eigentlich auf dem richtigen, gemeinsamen Weg sind. Die werden doch nur verschreckt und wenden sich dann ab. Scrollt doch einfach mal weiter, atmet durch, zählt bis 10 – das beruhigt. Und dann einfach mal tolerant sein und akzeptieren, dass es in vielen Dingen nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern auch noch sehr viele Grautöne, die nicht per se schlecht sein müssen.
Wie sagt man hier im Pott so schön? Einfach mal locker durch die Hose atmen, dann ist die Welt direkt schöner.
Und es wird auch einfacher, alle guten Menschen zusammenzubekommen und ein Bollwerk gegen rechte Strömungen zu erstellen. Denn die können das ganz prima, Einigkeit zeigen und sich nicht in Grabenkämpfen im Netz aufzureiben. Über unsere Streitigkeiten amüsieren die sich vermutlich köstlich.
Und nein, ich werde die Plattformen erst mal nicht verlassen. Obwohl ich bei BlueSky schon zwei- oder dreimal den Finger auf Löschen hatte, bleibe ich erst einmal noch. Bei Mastodon ist es innerhalb meiner persönlichen Timeline sogar wirklich schön.
