Bin ich woke?

Bin ich woke?

Von Veröffentlicht am: 05.08.202510 Kommentare on Bin ich woke?

Da wird mal wieder ein Begriff durch die Bloggerszene gejagt. Woke! Aber, was ist dieses Woke eigenlich? Und bin ich woke (genug) für diese Welt?

Ja, da haben wieder einige ein Stöckchen hingehalten, wo andere drüber springen, da hat der Boris schon recht. Aber wären wir denn Bloggende, wenn wir das nicht tun würden? Deswegen hat auch der Horst was dazu geschrieben.

Was ist dieses Woke eigentlich?

Im Ursprung bedeutet woke ganz einfach: wach sein. Im übertragenen Sinne also bewusst, aufmerksam, sensibilisiert für gesellschaftliche Ungerectigkeiten. Der Begriff kommt aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den USA und war ursprünglich positiv besetzt: „Stay woke“ bedeutete so viel wie: Bleib aufmerksam gegenüber Rassismus, Ausgrenzung, Diskriminierung.

Doch inzwischen hat sich das Wort weiterentwickelt. Und wie das mit Sprache so ist: Sie ist ein Spiegel ihrer Zeit. Heute ist „woke“ oft ein Reizwort. Für die einen ein Zeichen von Haltung, für die anderen eine Karikatur übertriebener Polit-Korrektheit. Und genau hier wird’s spannend.

Was muss ich tun, um woke zu sein? Und passt das bei mir?

Na ja, hier gibt’s keine offizielle Checkliste mit EU-Zertifikats-Siegel, aber ein paar Grundhaltungen zeichnen „Wokeness“ aus. Ich habe mir die mal von einer KI zusammenstellen lassen:

Empathie zeigen

Du hörst Menschen zu, nimmst ihre Erfahrungen ernst, auch wenn du sie selbst nicht gemacht hast. Besonders bei marginalisierten Gruppen. Und du bist bereit, deine eigenen Privilegien zu hinterfragen, ohne gleich beleidigt abzuziehen.

Jo, das passt, da finde ich mich wieder. Wobei ich das ausdrücklich nicht auf marginalisierte Gruppen beziehe, ich habe generell erst einmal Empathie für alle Menschen und versuche mit ihnen zurecht zu kommen. Dabei nehme ich gerne Rücksicht auf deren Bedürfnisse, sofern das in meiner Macht steht. Also, eine grüne Auszeichnung und 1 Punkt.

Sprache reflektieren

Worte wirken. Wer woke ist, achtet auf inklusive, nicht diskriminierende Sprache. Nicht aus Prinzip, sondern weil man verstanden hat, dass Sprache Realität prägt – und verletzen kann.

Puha, ja, ich achte darauf, mit meinen Worten keinen zu verletzen. Das gilt besonders auch für das geschriebene Wort. Allerdings bin ich hier sehr weit von perfekt entfernt. Gerade mit der nicht diskriminierenden Sprache tue ich mich im Alltag schwer. Daher gibt es hier nur eine miese Bewertung (rot) und einen viertel Punkt.

Solidarisch handeln

Ob im Alltag, im Job oder online: Woke sein bedeutet, nicht wegzusehen, wenn Ungerechtigkeit passiert, auch wenn es unbequem wird. Das kann heißen, auf Missstände hinzuweisen oder auch mal Raum zu machen für andere Stimmen.

Privat und auch beruflich, da bin ich dabei. In der Öffentlichkeit sieht das schon ein wenig schwieriger aus. Ich bin da nicht der Typ, der mit wildfremden Leuten Streit anfängt. Würde aber eine Situation um mich herum eskalieren, würde ich auf jeden Fall die Polizei verständigen. Online habe ich allerdings inzwischen resigniert, zumindest in den Social Medias. Die Diskussionen dort kosten einfach nur Energie und führen in den seltensten Fällen zu einem Ergebnis. Daher gibt es hier nur eine mittlere Bewertung (orange) und einen halben Punkt.

Kritikfähig bleiben

Der Haken an der Sache: Auch Wokeness kann dogmatisch werden. Wer wirklich wach ist, bleibt offen für Diskussionen, statt anderen ständig eine Moralkeule überzubraten. Woke sein heißt nicht, alles besser zu wissen, sondern besser zuhören zu wollen.

Boah, da bin ich aber sowas von dabei. Besonders der Satz „Wer wirklich wach ist, bleibt offen für Diskussionen, statt anderen ständig eine Moralkeule überzubraten.“ sollte man in Marmor meißeln und einigen Mitmenschen mal an die Stirn tackern. Denn wer mal eine andere, nicht angepasste, woke Einstellung hat, ist nicht automatisch ein schlechter Mensch. Also, eine grüne Auszeichnung und 1 Punkt.

So, 2,25 von 4 Punkten auf der Wokeness-Skala. Geht doch, oder? Nein, ich bezeichne mich selbst überhaupt nicht als perfekten, woken Menschen. Das liegt veermutlich daran, dass ich nur schwer in irgendwelche Schubladen passe (nicht nur wegen der Körpermasse). Ich habe meine Ecken und Kanten, kann einige Dinge der heutigen Zeit nur schwer verstehen. Mit manchen Dingen will ich mich auch gar nicht großartig beschäftigen. (Gibt es mit 56 schon sowas wie Altersstarrsinn?) Aber, ich respektiere es, was andere Menschen treiben und worüber sie sich auslassen. Das ist ok, es stört mich in meinem Leben nicht weiter. Ich halte mich für einen sehr empathievollen, sympathischen Menschen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wie komme ich selbst zu neuen Erfahrungen und Einschätzungen?

Ich bin sehr neugierig, wie andere Menschen leben, welche Erfahrungen sie machen und was sie antreibt. Deswegen lese ich so gerne Blogs, weil man hier wunderbar Eindrücke, Meinungen und Lebensweisheiten von vielen unterschiedlichen Menschen mit all ihren Facetten entdecken kann. Und dann überlege ich oft: Kann ich daraus etwas lernen, etwas in meinen Alltag integrieren, um es diesen Menschen das Leben zu vereinfachen oder sie zumindest zu verstehen? Das gelingt mal besser, mal weniger gut. Dabei habe ich ausreichend Demut, einzusehen, dass meine Sichtweise auf viele Dinge nicht der goldene Maßstab ist. Das bedeutet aber nicht automatisch, auf jeden Zug aufzuspringen, der gerade onwoke ist.

Denn es gibt durchaus „woke Dinge“, die mich schmunzeln lassen, die mich verstören oder gar verärgern. Nur, wer bin ich, um das zu verurteilen? Deswegen werde ich diese Punkte hier auch nicht auflisten oder benennen. Denn dann brennt hier vermutlich der Baum. :-)

Aber ich habe dann eine Meinung. Woke zu sein bedeutet für mich keine fertige, feste, in Schubladen gesteckte Haltung. Denn woke sein heißt nicht, alles richtig zu machen. Es heißt, überhaupt mal darüber nachzudenken, was „richtig“ sein könnte. Und da kann es durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, denn wir sind nicht alle gleich. Zum Glück nicht!

Diese ganzen Schubladen wie „Woke“, „Selberdenker“, „Gutmensch“, „Boomer“ usw. dienen meist eh nur der Spaltung, um andere verächtlich zu bezeichnen oder seine eigene moralische Überlegenheit darzustellen. Vielleicht sind wir alle in erster Linie lieber einfach mal wieder normale Menschen, mit Schwächen und Stärken.

Hier würde mich sehr Deine Meinung zum Thema interessieren. Lass gerne einen Kommentar hier oder schreib, noch besser, einen eigenen Beitrag zum Thema auf Deinem Blog.

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  1. Angela Carstensen 05/08/2025 um 13:23 - Antwort

    Moin, meiner Erfahrung nach nutzen hauptsächlich die Menschen den Begriff „woke“ bewusst, die eben nicht empathisch sein wollen. Unter anderem genau zu dem Zweck, andere zu emotionalisieren, zu spalten und von den eigentlichen gesellschaftlichen Problemen abzulenken. Früher haben sie dafür „politisch korrekt“ oder „Gutmensch“ genutzt, heute „woke“.

    Anfang des Jahres habe ich dazu auch was geschrieben: https://angela-carstensen.de/woke-bin-ich-das

    Unter anderem, weil es mich genervt hat, wie oft Zeit, Energie und Aufmerksamkeit dafür drauf geht, dass Menschen sich Gedanken machen, ob sie woke sind oder sich davon möglichst weit distanzieren. Statt dass wir mal fragen, warum zum Beispiel unter anderem Söder diese Vokabel so oft rausholt.

    Aus meiner Sicht ist es mir wichtiger, dass jemand sich Mühe gibt, solidarisch und mitfühlend zu sein. Wenn wir das alle beherzigen könnten, wäre schon viel gewonnen. Und dass wir auch, wie du sagst, möglichst selbstkritisch bleiben bei der Sache.

    • Herr Tommi 05/08/2025 um 13:45 - Antwort

      Ich bin da komplett bei Dir und Deinem tollen Artikel dazu. Denn der Begriff wird viel zu häufig genutzt, um zu zeigen, dass man dagegen ist oder – das ist die andere Seite – sich moralisch überlegen darzustellen. Dass der Begriff eigentlich kaputt ist, hast Du in Deinem Beitrag schön geschlussfolgert.

  2. Saphirija 05/08/2025 um 13:32 - Antwort

    Ich habe mich noch nie damit beschäftigt, ob ich irgendwie „woke“ bin 😄 Klar, dem Begiff begegne ich oft, aber naja 😅 Aber wenn ich deinen Bericht so lese, hmm, ja, bin ich wohl dabei.
    Danke für deinen interessanten Bericht.

    • Herr Tommi 05/08/2025 um 13:51 - Antwort

      Och, ich denke, dass Du einfach ok bist – ein Mensch, eine sympathische Dame im Netz. Muss es denn mehr sein?

      • Saphirija 06/08/2025 um 8:44 - Antwort

        Ich mag ja ehrlich gesagt den Begriff nicht so… Es klingt so danach, man muss perfekt sein, allen alles recht machen und sich immerzu korrekt verhalten. Wer kann das schon? Wir sind Menschen, mit vielen Facetten.

        Klar, es gibt Werte, die wichtig sind, um ein gutes Miteinander zu ermöglichen – Respekt, Empathie, Rücksichtnahme. Aber „woke sein“ wird leider oft wie ein Etikett verwendet, das entweder stolz getragen oder anderen als Vorwurf um die Ohren gehauen wird. Da verliert der eigentliche Kern – nämlich Offenheit und Sensibilität für gesellschaftliche Ungleichheiten – schnell an Bedeutung.

        Ich finde, wir sollten lieber mehr über Haltungen sprechen als über Labels. Und uns selbst nicht zu ernst nehmen, aber die Welt dafür ein bisschen ernster.

        Jetzt hatte ich nochmal Zeit mir in Ruhe Gedanken zu machen 😅

        • Herr Tommi 06/08/2025 um 9:02 - Antwort

          Ich finde sogar, durch das extrem Woke werden neue Ungleichheiten geschaffen. Den Fokus auf die allgemeine Haltung zu legen, auch mal Schwächen und kantige Meinungen zu akzeptieren, bringt uns sicher weiter als dieses Schwarz-Weiß-Schubladendenken.

  3. Henning Uhle 05/08/2025 um 16:29 - Antwort

    Ach, kommt, wir schreiben jetzt alle über diese so genannte Wokeness. Irgendwie geistert das gerade durch die deutschsprachige Bloggerszene. Jetzt kann ich davon erzählen, das…

  4. Kaja 05/08/2025 um 18:58

    @blog@www.jansens-pott.de

    So bald etwas anfängt, eine Schublade zu werden, in der sich irgendwas zusammenrottet, um gemeinsam irgendwas etikettiertes zu sein, bin ich raus.
    Genau genommen war ich bislang nichts, was man unter einem Begriff zusammenfassen kann. Außer: ich bin ich. Mitsamt meiner Moral, meinen Wertvorstellungen, meinen Ansichten und auch meinem Verhalten.

    Nenn was Trend und ich bin weg.
    Authentizität ist anders. 🤷

    • Herr Tommi 05/08/2025 um 20:14 - Antwort

      Yep, diese Schubladen und das damit verbundene Schwarz-Weiß-Denken ist auch nicht meine Welt.