Bin ich woke?
Da wird mal wieder ein Begriff durch die Bloggerszene gejagt. Woke! Aber, was ist dieses Woke eigenlich? Und bin ich woke (genug) für diese Welt?
Ja, da haben wieder einige ein Stöckchen hingehalten, wo andere drüber springen, da hat der Boris schon recht. Aber wären wir denn Bloggende, wenn wir das nicht tun würden? Deswegen hat auch der Horst was dazu geschrieben.
Was ist dieses Woke eigentlich?
Im Ursprung bedeutet woke ganz einfach: wach sein. Im übertragenen Sinne also bewusst, aufmerksam, sensibilisiert für gesellschaftliche Ungerectigkeiten. Der Begriff kommt aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den USA und war ursprünglich positiv besetzt: „Stay woke“ bedeutete so viel wie: Bleib aufmerksam gegenüber Rassismus, Ausgrenzung, Diskriminierung.
Doch inzwischen hat sich das Wort weiterentwickelt. Und wie das mit Sprache so ist: Sie ist ein Spiegel ihrer Zeit. Heute ist „woke“ oft ein Reizwort. Für die einen ein Zeichen von Haltung, für die anderen eine Karikatur übertriebener Polit-Korrektheit. Und genau hier wird’s spannend.
Was muss ich tun, um woke zu sein? Und passt das bei mir?
Na ja, hier gibt’s keine offizielle Checkliste mit EU-Zertifikats-Siegel, aber ein paar Grundhaltungen zeichnen „Wokeness“ aus. Ich habe mir die mal von einer KI zusammenstellen lassen:
Empathie zeigen
Du hörst Menschen zu, nimmst ihre Erfahrungen ernst, auch wenn du sie selbst nicht gemacht hast. Besonders bei marginalisierten Gruppen. Und du bist bereit, deine eigenen Privilegien zu hinterfragen, ohne gleich beleidigt abzuziehen.
Jo, das passt, da finde ich mich wieder. Wobei ich das ausdrücklich nicht auf marginalisierte Gruppen beziehe, ich habe generell erst einmal Empathie für alle Menschen und versuche mit ihnen zurecht zu kommen. Dabei nehme ich gerne Rücksicht auf deren Bedürfnisse, sofern das in meiner Macht steht. Also, eine grüne Auszeichnung und 1 Punkt.
Sprache reflektieren
Worte wirken. Wer woke ist, achtet auf inklusive, nicht diskriminierende Sprache. Nicht aus Prinzip, sondern weil man verstanden hat, dass Sprache Realität prägt – und verletzen kann.
Puha, ja, ich achte darauf, mit meinen Worten keinen zu verletzen. Das gilt besonders auch für das geschriebene Wort. Allerdings bin ich hier sehr weit von perfekt entfernt. Gerade mit der nicht diskriminierenden Sprache tue ich mich im Alltag schwer. Daher gibt es hier nur eine miese Bewertung (rot) und einen viertel Punkt.
Solidarisch handeln
Ob im Alltag, im Job oder online: Woke sein bedeutet, nicht wegzusehen, wenn Ungerechtigkeit passiert, auch wenn es unbequem wird. Das kann heißen, auf Missstände hinzuweisen oder auch mal Raum zu machen für andere Stimmen.
Privat und auch beruflich, da bin ich dabei. In der Öffentlichkeit sieht das schon ein wenig schwieriger aus. Ich bin da nicht der Typ, der mit wildfremden Leuten Streit anfängt. Würde aber eine Situation um mich herum eskalieren, würde ich auf jeden Fall die Polizei verständigen. Online habe ich allerdings inzwischen resigniert, zumindest in den Social Medias. Die Diskussionen dort kosten einfach nur Energie und führen in den seltensten Fällen zu einem Ergebnis. Daher gibt es hier nur eine mittlere Bewertung (orange) und einen halben Punkt.
Kritikfähig bleiben
Der Haken an der Sache: Auch Wokeness kann dogmatisch werden. Wer wirklich wach ist, bleibt offen für Diskussionen, statt anderen ständig eine Moralkeule überzubraten. Woke sein heißt nicht, alles besser zu wissen, sondern besser zuhören zu wollen.
Boah, da bin ich aber sowas von dabei. Besonders der Satz „Wer wirklich wach ist, bleibt offen für Diskussionen, statt anderen ständig eine Moralkeule überzubraten.“ sollte man in Marmor meißeln und einigen Mitmenschen mal an die Stirn tackern. Denn wer mal eine andere, nicht angepasste, woke Einstellung hat, ist nicht automatisch ein schlechter Mensch. Also, eine grüne Auszeichnung und 1 Punkt.
So, 2,25 von 4 Punkten auf der Wokeness-Skala. Geht doch, oder? Nein, ich bezeichne mich selbst überhaupt nicht als perfekten, woken Menschen. Das liegt veermutlich daran, dass ich nur schwer in irgendwelche Schubladen passe (nicht nur wegen der Körpermasse). Ich habe meine Ecken und Kanten, kann einige Dinge der heutigen Zeit nur schwer verstehen. Mit manchen Dingen will ich mich auch gar nicht großartig beschäftigen. (Gibt es mit 56 schon sowas wie Altersstarrsinn?) Aber, ich respektiere es, was andere Menschen treiben und worüber sie sich auslassen. Das ist ok, es stört mich in meinem Leben nicht weiter. Ich halte mich für einen sehr empathievollen, sympathischen Menschen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Wie komme ich selbst zu neuen Erfahrungen und Einschätzungen?
Ich bin sehr neugierig, wie andere Menschen leben, welche Erfahrungen sie machen und was sie antreibt. Deswegen lese ich so gerne Blogs, weil man hier wunderbar Eindrücke, Meinungen und Lebensweisheiten von vielen unterschiedlichen Menschen mit all ihren Facetten entdecken kann. Und dann überlege ich oft: Kann ich daraus etwas lernen, etwas in meinen Alltag integrieren, um es diesen Menschen das Leben zu vereinfachen oder sie zumindest zu verstehen? Das gelingt mal besser, mal weniger gut. Dabei habe ich ausreichend Demut, einzusehen, dass meine Sichtweise auf viele Dinge nicht der goldene Maßstab ist. Das bedeutet aber nicht automatisch, auf jeden Zug aufzuspringen, der gerade onwoke ist.
Denn es gibt durchaus „woke Dinge“, die mich schmunzeln lassen, die mich verstören oder gar verärgern. Nur, wer bin ich, um das zu verurteilen? Deswegen werde ich diese Punkte hier auch nicht auflisten oder benennen. Denn dann brennt hier vermutlich der Baum. :-)
Aber ich habe dann eine Meinung. Woke zu sein bedeutet für mich keine fertige, feste, in Schubladen gesteckte Haltung. Denn woke sein heißt nicht, alles richtig zu machen. Es heißt, überhaupt mal darüber nachzudenken, was „richtig“ sein könnte. Und da kann es durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, denn wir sind nicht alle gleich. Zum Glück nicht!
Diese ganzen Schubladen wie „Woke“, „Selberdenker“, „Gutmensch“, „Boomer“ usw. dienen meist eh nur der Spaltung, um andere verächtlich zu bezeichnen oder seine eigene moralische Überlegenheit darzustellen. Vielleicht sind wir alle in erster Linie lieber einfach mal wieder normale Menschen, mit Schwächen und Stärken.
Hier würde mich sehr Deine Meinung zum Thema interessieren. Lass gerne einen Kommentar hier oder schreib, noch besser, einen eigenen Beitrag zum Thema auf Deinem Blog.
